Antizipatorische Sozialisation – Definition und Bedeutung
Antizipatorische Sozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen bestimmte Rollen, Werte oder Verhaltensweisen übernehmen, die sie in der Zukunft erwarten oder anstreben. Dabei handelt es sich um eine Form der Sozialisation, bei der sich Menschen auf kommende soziale Erfahrungen oder Rollen vorbereiten, noch bevor sie diese tatsächlich erleben. Dieser Prozess ist ein wichtiger Bestandteil der sozialen Entwicklung, da er den Übergang von einer sozialen Rolle in eine andere erleichtert und eine gewisse Anpassungsfähigkeit fördert.
Merkmale der antizipatorischen Sozialisation:
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Vorwegnahme zukünftiger Rollen
Antizipatorische Sozialisation tritt oft auf, wenn eine Person eine Rolle oder eine soziale Position übernimmt, die sie noch nicht erreicht hat, aber für die sie sich vorbereitet. Ein Beispiel ist ein Jugendlicher, der sich auf das Erwachsenenleben vorbereitet, indem er Werte, Normen und Verhaltensweisen übernimmt, die mit dem Erwachsensein verbunden sind, etwa in Bezug auf Verantwortung, berufliche Ziele oder soziale Verpflichtungen. -
Einfluss von Vorbildern und Medien
Individuen nehmen oft Elemente von Rollen und Verhaltensweisen an, die sie bei anderen sehen, sei es in ihrer Familie, bei Freunden oder durch Medien wie Filme, Fernsehsendungen und soziale Netzwerke. Zum Beispiel könnte ein angehender Berufseinsteiger sich Verhaltensweisen von erfolgreichen Mentoren oder Kollegen aneignen, um in seinem zukünftigen Beruf erfolgreich zu sein. -
Soziale Vorbereitung auf Veränderungen
Antizipatorische Sozialisation hilft dabei, Übergänge im Leben zu erleichtern. Ein typisches Beispiel hierfür ist die Vorbereitung von Schülern auf das Leben in der Arbeitswelt oder von Jugendlichen auf die Rolle von Eltern oder Ehepartnern. Menschen übernehmen bestimmte Einstellungen oder Verhaltensweisen, um den Übergang in eine neue soziale Rolle zu erleichtern. -
Selbstreflexion und Erwartung
In der antizipatorischen Sozialisation spielt die individuelle Reflexion über die eigene Zukunft eine große Rolle. Menschen stellen sich vor, welche sozialen Erwartungen in einer zukünftigen Rolle auf sie zukommen könnten, und passen ihr Verhalten und ihre Einstellungen entsprechend an.
Beispiele für antizipatorische Sozialisation:
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Berufliche Sozialisation
Ein junger Erwachsener, der eine Karriere im Gesundheitswesen anstrebt, könnte antizipatorische Sozialisation durchlaufen, indem er sich Verhaltensweisen und Werte aneignet, die in der Medizin erwartet werden, noch bevor er in diesem Bereich arbeitet. Er könnte zum Beispiel lernen, wie er mit Patienten kommuniziert, welche ethischen Standards in der Branche wichtig sind und welche beruflichen Normen in der medizinischen Praxis herrschen. -
Vorbereitung auf das Erwachsenenleben
Ein Teenager, der auf das Leben als Erwachsener vorbereitet wird, könnte antizipatorische Sozialisation durchlaufen, indem er lernt, Verantwortung zu übernehmen, unabhängig zu leben und sich auf zukünftige Rollen wie die eines Ehepartners oder Elternteils vorzubereiten. -
Vorbereitung auf den Ruhestand
Ein weiteres Beispiel wäre eine Person, die sich vor dem Ruhestand bereits mit der neuen sozialen Rolle als Rentner auseinandersetzt, sich mit Freizeitgestaltung, ehrenamtlicher Arbeit oder anderen Aktivitäten beschäftigt, die für diese Rolle typisch sind.
Antizipatorische Sozialisation in verschiedenen sozialen Kontexten:
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Familie: In der Familie lernen Kinder nicht nur die gegenwärtigen Erwartungen, sondern auch, wie sie sich auf zukünftige Rollen vorbereiten – zum Beispiel, wie sie sich als Erwachsene oder Eltern verhalten sollen.
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Schule: In der Schule erfahren Kinder und Jugendliche nicht nur, wie sie sich in ihrer aktuellen Rolle als Schüler verhalten sollen, sondern auch, wie sie sich als zukünftige Erwachsene oder Mitglieder der Arbeitswelt anpassen können.
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Beruf: Menschen, die in einem bestimmten Berufsfeld arbeiten möchten, durchlaufen antizipatorische Sozialisation, indem sie sich die Werte, Normen und Verhaltensweisen der angestrebten Berufsgemeinschaft aneignen.
Unterschiede zur traditionellen Sozialisation:
Während die traditionelle Sozialisation oft die Weitergabe von bestehenden sozialen Normen und Werten an eine jüngere Generation bezeichnet – also das Erlernen der aktuellen sozialen Erwartungen – geht es bei der antizipatorischen Sozialisation um das Erlernen von Normen und Verhaltensweisen, die für zukünftige soziale Rollen wichtig sind. Es ist eine proaktive Form der Sozialisation, die den Blick nach vorn richtet und eine aktive Vorbereitung auf die Zukunft beinhaltet.
Fazit
Die antizipatorische Sozialisation ist ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens, da sie Individuen auf zukünftige Rollen und Veränderungen in ihrer sozialen Umwelt vorbereitet. Sie erleichtert den Übergang in neue soziale Kontexte, reduziert Unsicherheiten und fördert die Fähigkeit, sich an veränderte soziale Erwartungen anzupassen. In einer zunehmend komplexen und sich schnell verändernden Welt ist diese Form der Sozialisation besonders wichtig, um die kontinuierliche soziale Integration und das persönliche Wachstum zu unterstützen.