Die kalte Progression bezeichnet einen Effekt des progressiven Einkommensteuersystems, bei dem Steuerpflichtige trotz einer lediglich an die Inflation angepassten Lohnerhöhung einen höheren Anteil ihres Einkommens als Steuer zahlen können.
Das bedeutet: Ein Arbeitnehmer erhält zwar mehr Geld, kann sich davon aber möglicherweise real nicht mehr leisten. Gleichzeitig kann durch den höheren nominalen Verdienst eine höhere steuerliche Belastung entstehen.
Die kalte Progression wird deshalb häufig als eine Art schleichende Steuermehrbelastung bezeichnet.
Was bedeutet kalte Progression einfach erklärt?
Steigen die Preise, verlieren Einkommen an Kaufkraft.
Erhält ein Arbeitnehmer beispielsweise eine Gehaltserhöhung von 5 Prozent, während die Preise ebenfalls um 5 Prozent steigen, hat er real zunächst keinen zusätzlichen Wohlstand gewonnen.
Sein Einkommen ist zwar auf dem Papier höher, seine Kaufkraft ist aber ungefähr gleich geblieben.
Durch den progressiven Einkommensteuertarif kann das höhere Einkommen trotzdem dazu führen, dass ein größerer Teil des Einkommens besteuert wird.
Das Ergebnis:
- das Bruttoeinkommen steigt,
- die Preise steigen ebenfalls,
- die reale Kaufkraft verbessert sich kaum oder gar nicht,
- die Steuerbelastung kann trotzdem zunehmen.
Genau dieser Effekt wird als kalte Progression bezeichnet.
Warum heißt es kalte Progression?
Der Begriff setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen.
Progression bedeutet, dass mit steigendem Einkommen grundsätzlich auch die steuerliche Belastung beziehungsweise der Steuersatz ansteigen kann.
Das Wort kalt weist darauf hin, dass die Mehrbelastung nicht unbedingt auf einem echten wirtschaftlichen Einkommenszuwachs beruht.
Der Steuerpflichtige verdient nominal mehr, ist real aber möglicherweise kaum besser gestellt.
Was ist Steuerprogression?
Um die kalte Progression zu verstehen, muss zunächst die Steuerprogression betrachtet werden.
Bei einem progressiven Steuersystem steigt die steuerliche Belastung mit zunehmendem Einkommen.
Ein höheres Einkommen führt also nicht nur zu einem höheren absoluten Steuerbetrag. Bestimmte zusätzliche Einkommensteile können zudem mit einem höheren Steuersatz belastet werden.
Das Ziel eines progressiven Einkommensteuersystems besteht unter anderem darin, höhere Einkommen stärker zur Finanzierung staatlicher Aufgaben heranzuziehen.
Beispiel für kalte Progression
Ein Arbeitnehmer verdient beispielsweise:
40.000 Euro brutto im Jahr.
Angenommen, die Inflation beträgt 5 Prozent.
Damit seine Kaufkraft ungefähr gleich bleibt, erhält er ebenfalls eine Gehaltserhöhung von 5 Prozent.
Sein neues Einkommen beträgt:
42.000 Euro.
Nominal verdient er nun 2.000 Euro mehr.
Da gleichzeitig jedoch die Preise um etwa 5 Prozent gestiegen sind, handelt es sich nicht unbedingt um einen echten Wohlstandsgewinn.
Wenn aufgrund des höheren Einkommens gleichzeitig seine Einkommensteuer stärker steigt, bleibt nach Steuern real möglicherweise sogar weniger Kaufkraft übrig.
Dieser zusätzliche steuerliche Effekt ist die kalte Progression.
Kalte Progression und Inflation
Die Inflation ist eine zentrale Ursache der kalten Progression.
Steigen die Verbraucherpreise, versuchen Arbeitnehmer und Gewerkschaften häufig, diesen Kaufkraftverlust durch höhere Löhne auszugleichen.
Solche Lohnerhöhungen werden auch als Inflationsausgleich bezeichnet.
Steigt das Einkommen lediglich im selben Umfang wie die Preise, handelt es sich wirtschaftlich betrachtet jedoch nicht unbedingt um einen realen Einkommenszuwachs.
Das Steuerrecht betrachtet grundsätzlich das nominale Einkommen.
Dadurch können Menschen steuerlich stärker belastet werden, obwohl ihre tatsächliche Kaufkraft kaum gestiegen ist.
Nominale und reale Einkommen
Für das Verständnis der kalten Progression ist der Unterschied zwischen nominalem und realem Einkommen besonders wichtig.
Nominaleinkommen bezeichnet den tatsächlich in Euro angegebenen Geldbetrag.
Realeinkommen berücksichtigt dagegen die Preisentwicklung und damit die tatsächliche Kaufkraft.
Beispiel:
Steigt das Einkommen um 4 Prozent und gleichzeitig die Inflation ebenfalls um 4 Prozent, hat sich die reale Kaufkraft ungefähr nicht verändert.
Der Arbeitnehmer verdient nominal mehr, kann sich aber mit seinem Einkommen nicht wesentlich mehr Waren oder Dienstleistungen kaufen.
Was hat der Grenzsteuersatz mit der kalten Progression zu tun?
Ein wichtiger Begriff im Zusammenhang mit der kalten Progression ist der Grenzsteuersatz.
Der Grenzsteuersatz gibt an, mit welchem Steuersatz der jeweils nächste zusätzliche Teil des steuerpflichtigen Einkommens belastet wird.
Steigt das Einkommen, kann dieser Grenzsteuersatz ebenfalls steigen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass plötzlich das gesamte Einkommen mit dem höheren Steuersatz besteuert wird.
Nur die entsprechenden zusätzlichen Einkommensteile unterliegen dem höheren Steuersatz.
Durchschnittssteuersatz und Grenzsteuersatz
Der Durchschnittssteuersatz beschreibt das Verhältnis zwischen der gesamten Einkommensteuer und dem zu versteuernden Einkommen.
Der Grenzsteuersatz beschreibt dagegen die steuerliche Belastung eines zusätzlichen Einkommens.
Diese beiden Begriffe werden häufig verwechselt.
Gerade bei der Diskussion über kalte Progression ist diese Unterscheidung wichtig.
Ist jede Lohnerhöhung von kalter Progression betroffen?
Nein.
Eine Gehaltserhöhung kann aus zwei Bestandteilen bestehen:
- einem Ausgleich für die Inflation
- einem echten realen Einkommenszuwachs
Steigt beispielsweise der Lohn um 8 Prozent und die Preise nur um 3 Prozent, verbessert sich die reale Kaufkraft grundsätzlich.
Die kalte Progression betrifft vor allem den Teil der steuerlichen Mehrbelastung, der dadurch entsteht, dass lediglich die gestiegenen Preise beziehungsweise die Inflation ausgeglichen werden.
Kalte Progression und Kaufkraft
Die Kaufkraft beschreibt, wie viele Waren und Dienstleistungen mit einem bestimmten Einkommen gekauft werden können.
Bei hoher Inflation kann die Kaufkraft trotz steigender Löhne sinken.
Beispiel:
- Lohnerhöhung: 3 Prozent
- Inflation: 6 Prozent
Das Einkommen steigt zwar nominal um 3 Prozent.
Die Preise steigen jedoch doppelt so stark.
Die reale Kaufkraft sinkt daher.
Eine zusätzliche steuerliche Belastung durch die Progression kann diesen Effekt noch verstärken.
Wer ist von der kalten Progression betroffen?
Grundsätzlich kann die kalte Progression viele Einkommensteuerpflichtige betreffen.
Besonders relevant ist sie für Personen, deren Einkommen innerhalb des progressiven Bereichs des Einkommensteuertarifs liegt.
Dazu gehören beispielsweise:
- Arbeitnehmer
- Angestellte
- Selbstständige
- Freiberufler
- Unternehmer mit einkommensteuerpflichtigen Einkünften
Wie stark der Effekt tatsächlich ausfällt, hängt unter anderem von der Einkommenshöhe, der Lohnentwicklung, der Inflation und dem jeweils geltenden Steuertarif ab.
Warum ist kalte Progression problematisch?
Kritisiert wird die kalte Progression vor allem deshalb, weil sie zu einer höheren Steuerbelastung führen kann, obwohl sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen real kaum verbessert hat.
Mögliche Auswirkungen sind:
- geringere reale Kaufkraft
- höhere durchschnittliche Steuerbelastung
- weniger Netto von einer Lohnerhöhung
- geringere Wirkung von Inflationsausgleichen
- höhere staatliche Steuereinnahmen
Besonders in Zeiten hoher Inflation wird deshalb häufig über Maßnahmen zur Begrenzung der kalten Progression diskutiert.
Wie kann kalte Progression ausgeglichen werden?
Der Staat kann den Effekt der kalten Progression reduzieren, indem bestimmte Werte des Einkommensteuertarifs an die Preisentwicklung angepasst werden.
Dabei können beispielsweise:
- steuerliche Freibeträge erhöht werden
- Grenzen innerhalb des Steuertarifs verschoben werden
- Tarifzonen an die Inflation angepasst werden
Dadurch soll verhindert werden, dass eine rein inflationsbedingte Lohnerhöhung automatisch zu einer unverhältnismäßigen zusätzlichen Steuerbelastung führt.
Was bedeutet Anpassung des Steuertarifs?
Bei einer Anpassung des Einkommensteuertarifs werden bestimmte Einkommensgrenzen nach oben verschoben.
Dadurch soll berücksichtigt werden, dass ein Euro aufgrund der Inflation weniger Kaufkraft besitzt als zuvor.
Ohne eine solche Anpassung würden Arbeitnehmer allein aufgrund höherer nominaler Einkommen zunehmend in stärker belastete Bereiche des Steuertarifs gelangen.
Kalte Progression und Grundfreibetrag
Auch der Grundfreibetrag spielt eine Rolle.
Bis zu einer bestimmten Höhe soll das Existenzminimum grundsätzlich von der Einkommensteuer freigestellt sein.
Steigen die Lebenshaltungskosten, muss deshalb regelmäßig geprüft werden, ob auch der Grundfreibetrag angepasst werden muss.
Eine Erhöhung des Grundfreibetrags kann die Steuerbelastung reduzieren, beseitigt aber nicht automatisch jeden Effekt der kalten Progression.
Kalte Progression und Lohnerhöhung
Eine häufige Frage lautet:
Lohnt sich eine Gehaltserhöhung überhaupt, wenn dadurch der Steuersatz steigt?
Grundsätzlich ja.
Ein höherer Grenzsteuersatz bedeutet nicht, dass die gesamte Lohnerhöhung durch Steuern verloren geht.
Von einer zusätzlichen Gehaltserhöhung bleibt normalerweise weiterhin ein positiver Nettobetrag übrig.
Die kalte Progression bedeutet vielmehr, dass ein Teil einer inflationsbedingten Lohnerhöhung durch die steigende Steuerbelastung aufgezehrt werden kann.
Kann man durch eine Gehaltserhöhung netto weniger verdienen?
Allein aufgrund der normalen Einkommensteuerprogression führt ein höheres Bruttoeinkommen grundsätzlich nicht dazu, dass das gesamte Nettoeinkommen sinkt.
Das ist ein verbreitetes Missverständnis.
Bei höheren Einkommen wird nicht plötzlich das gesamte Einkommen mit einem höheren Steuersatz versteuert.
Der höhere Steuersatz betrifft lediglich bestimmte zusätzliche Einkommensanteile.
Andere einkommensabhängige Leistungen oder Abgaben können jedoch ebenfalls eine Rolle spielen und müssen separat betrachtet werden.
Kalte Progression und Reallohn
Der Reallohn beschreibt das Einkommen unter Berücksichtigung der Preisentwicklung.
Steigt der Nominallohn stärker als die Inflation, steigt grundsätzlich der Reallohn.
Steigen Lohn und Preise ungefähr gleich stark, bleibt der Reallohn weitgehend konstant.
Steigen die Preise stärker als der Lohn, sinkt der Reallohn.
Die kalte Progression kann dazu führen, dass selbst bei einem ungefähr konstanten Bruttoreallohn das verfügbare Einkommen nach Steuern stärker belastet wird.
Unterschied zwischen Inflation und kalter Progression
Inflation und kalte Progression sind nicht dasselbe.
Inflation:
Das allgemeine Preisniveau steigt und Geld verliert an Kaufkraft.
Kalte Progression:
Durch inflationsbedingte Einkommenssteigerungen kann die steuerliche Belastung zunehmen, obwohl kein entsprechender realer Einkommenszuwachs entstanden ist.
Die Inflation ist somit eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen der kalten Progression.
Unterschied zwischen normaler und kalter Progression
Bei der normalen Steuerprogression steigt die Steuerbelastung, weil das Einkommen real zunimmt.
Beispielsweise erhält ein Arbeitnehmer aufgrund einer Beförderung eine deutliche Gehaltserhöhung, die erheblich über der Inflationsrate liegt.
Bei der kalten Progression entsteht die zusätzliche Belastung dagegen zumindest teilweise durch einen lediglich nominalen Einkommensanstieg zum Ausgleich steigender Preise.
Beispiel: normale Progression oder kalte Progression?
Fall 1:
Inflation: 2 Prozent
Lohnerhöhung: 10 Prozent
Der Arbeitnehmer erzielt einen deutlichen realen Einkommenszuwachs. Eine steigende Steuerbelastung ist daher überwiegend normale Progression.
Fall 2:
Inflation: 6 Prozent
Lohnerhöhung: 6 Prozent
Die Kaufkraft des Bruttoeinkommens bleibt ungefähr gleich. Eine zusätzliche steuerliche Belastung aufgrund des höheren nominalen Einkommens ist ein typisches Beispiel für die kalte Progression.
Hat der Staat Vorteile durch kalte Progression?
Ohne Anpassung des Steuertarifs können steigende nominale Einkommen grundsätzlich zu höheren Steuereinnahmen führen.
Dadurch kann der Staat allein aufgrund der allgemeinen Einkommens- und Preisentwicklung zusätzliche Einnahmen erzielen.
Dies ist einer der Gründe, warum die kalte Progression regelmäßig Gegenstand wirtschafts- und steuerpolitischer Diskussionen ist.
Kalte Progression kurz zusammengefasst
Die wichtigsten Punkte zur kalten Progression sind:
- Sie entsteht im Zusammenhang mit einem progressiven Einkommensteuertarif.
- Inflation führt häufig zu nominalen Lohnerhöhungen.
- Eine solche Lohnerhöhung bedeutet nicht automatisch einen realen Wohlstandsgewinn.
- Das höhere Nominaleinkommen kann trotzdem zu einer höheren Steuerbelastung führen.
- Dadurch kann die reale Kaufkraft nach Steuern sinken.
- Der Staat kann den Effekt durch Anpassungen des Steuertarifs reduzieren.
Häufige Fragen zur kalten Progression
Was ist kalte Progression?
Kalte Progression bezeichnet eine zusätzliche Steuerbelastung, die dadurch entstehen kann, dass Einkommen infolge der Inflation nominal steigen, obwohl sich die reale Kaufkraft kaum verbessert.
Warum entsteht kalte Progression?
Sie entsteht durch das Zusammenspiel von Inflation, steigenden nominalen Einkommen und einem progressiven Einkommensteuertarif.
Ist kalte Progression eine Steuererhöhung?
Der Steuertarif muss dafür nicht ausdrücklich erhöht werden. Trotzdem kann sich die tatsächliche Steuerbelastung eines Steuerpflichtigen erhöhen.
Ist eine Gehaltserhöhung wegen der kalten Progression schlecht?
Nein. Eine höhere Bezahlung führt grundsätzlich weiterhin zu mehr Nettoeinkommen. Die kalte Progression kann jedoch einen Teil des Kaufkraftgewinns beziehungsweise Inflationsausgleichs aufzehren.
Was ist der Unterschied zwischen Progression und kalter Progression?
Bei normaler Progression steigt die Steuerbelastung aufgrund eines tatsächlichen höheren Einkommens. Bei kalter Progression entsteht ein Teil der Mehrbelastung aufgrund eines lediglich inflationsbedingten nominalen Einkommensanstiegs.
Was hat Inflation mit kalter Progression zu tun?
Inflation führt zu steigenden Preisen. Werden Löhne entsprechend erhöht, steigt das Nominaleinkommen, ohne dass die Kaufkraft zwangsläufig zunimmt. Genau dadurch kann die kalte Progression entstehen.
Fazit
Die kalte Progression beschreibt einen wichtigen Effekt des progressiven Einkommensteuersystems. Sie tritt auf, wenn Einkommen aufgrund steigender Preise nominal erhöht werden und dadurch eine höhere steuerliche Belastung entsteht, obwohl die reale Kaufkraft nicht entsprechend zunimmt.
Besonders in Zeiten hoher Inflation gewinnt die kalte Progression an Bedeutung. Arbeitnehmer können eine Lohnerhöhung erhalten und trotzdem feststellen, dass ihre tatsächliche Kaufkraft nach Steuern kaum steigt.
Durch eine regelmäßige Anpassung von Grundfreibetrag und Einkommensteuertarif kann der Staat den Effekt zumindest teilweise ausgleichen.
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